leitast theater: lehrjahre


Der Zielsetzung dieser Webseite entsprechend will ich unter Lebensbaum vor allem zeigen, wie sich der Kabarettist in mir (nebst dem Theaterautor) parallel zum Privatmenschen, Gymnasiallehrer, Staatsbürger und vielem anderen, was ich auch noch bin, entwickelt hat. Also gewissermassen ein Ast dieses doch bereits alten und vielverzweigten Baums, allerdings mit den dazu gehörenden Wurzeln!

Frühe Prägungen

Einen guten Teil meiner Prägung als Kabarettist verdanke ich dem Cabaret Zapfenzieher (vgl.
Frühblühermätteli), damit auch meinen Eltern, die mein satirisches Talent, das ganz ungefragt zutage trat, wachsen liessen und mit Lob bedachten, so gut es ihnen möglich war (wie man lesen kann, ging dies nicht immer ohne Aufregung samt Peinlichkeiten ab ...). Freilich mussten sie sich sagen, dass sie, die beide im Lehrercabaret tätig waren (wenn auch unterschiedlich lang), mir vermutlich auch einiges an genetischem Material mitgegeben hatten. Damals sagte man allerdings noch nicht so. "Dr Joggeli het's haut im Bluet", hiess es,"Värsli u Liedli, dadrann het er scho aus chlyne Chnopf Fröid gha." - Jemand, der diese Freude enorm gefördert hat und hier nicht vergessen werden darf, war meine Grossmutter väterlicherseits, Mathilde Zingg-Iff, Volksschullehrerin in Sigriswil, wo ich geboren wurde und als Kind sehr oft in den Ferien war. Sie lehrte mich nicht nur zahllose Lieder und Verse, sondern gab mir auch die Lust, mit der Sprache zu spielen und allerhand Schabernack zu treiben. Dabei hatte sie stets auch die nützliche Anwendung im Auge. "Heute haben die Leute dicke Häute" pflegte sie etwa zu improvisieren, und natürlich musste dem Joggeli klar sein, dass der spielerisch sich wiederholende Doppellaut mal mit e und mal mit ä zu schreiben war. - Ebenfalls im Haus der Grosseltern fand ich einige Bändchen mit Bildergeschichten von Wilhelm Busch und Bücher mit Karikaturen von Carl Böckli ("Bö") aus dem Nebelspalter-Verlag. Meine Freude an der Kombination von satirisch-träfem Strich und pointiert geschmiedetem Vers war riesig, Buschs Verse konnte ich nach mehrmaligem Lesen praktisch auswendig, und das Schaffen von Bö verfolgte ich schon bald regelmässig im "Nebelspalter", um dessentwillen selbst die allzu häufigen Besuche beim Zahnarzt eine unterhaltsame Note bekamen. Im Sekundarschulalter wurde ich dan ein intensiver Leser von Werner Wollenbergers Nebi-Leitartikeln und bald einmal fand ich heraus, dass die helvetische Kabarett-Szene diesem Mann viel zu verdanken hatte. Auf meinem ersten Plattenspieler hörte ich die Songs aus dem Programm "Eusi chlii Stadt", bald konnte ich auch die auswendig.

Berufstraum Regisseur - und was daraus wurde
Nachdem ich als Sekundaner ein Schülercabaret zum Erfolg geführt hatte, durfte ich  in Wilders "Unsere Kleine Stadt", das wir im darauffolgenden Winter am Gymnasium Thun zur Aufführung brachten, den Spielleiter spielen. Spätestens jetzt stand mein geheimer Berufswunsch fest: Theaterregisseur!
Bloss: Wie wurde man das? Im letzten halben Jahr, der Oberprima, beschäftigte ich mich im Fach Deutsch - dem einzigen Fach, das für mich Gewicht hatte - zur Hauptsache mit Dramatikern: Heinrich von Kleist, August Strindberg und Bertolt Brecht. Über diesen hielt ich einen einstündigen Vortrag vor der Klasse, welcher meinen Deutschlehrer offenbar so beeindruckte, dass er mich auch an der mündlichen Matur über Brecht prüfte.
Allerdings schrieb ich mich dann doch an der Phil-hist-Fakultät der Uni Bern für das Gymnasiallehrerstudium in Deutsch und Französisch ein, denn für den Beruf des Regisseurs gab es damals noch keine definierten Studiengänge. Ich belegte im Nebenfach Theaterwissenschaften und nahm bei einem renommierten älteren Schauspieler Sprechunterricht. Da ich mich aber schon kurz nach der Rekrutenschule mit meiner damaligen Freundin verlobt hatte, fehlte mir während der kommenden Jahre die innere Unabhängigkeit, die es gebraucht hätte, um die Weichenstellung vom berufsorientierten Studium zu einer freien und finanziell ungesicherten Künstlerlaufbahn zu schaffen. So biss ich mich durchs Studium, heiratete und zügelte mit meiner Frau, die ihr Sekundarlehrerinnenpatent vor mir erhalten hatte, nach Hasle-Rüegsau. Hier unterrichtete sie Deutsch, Französisch, Zeichnen und Italienisch. Bereits im ersten Jahr hatte sie mit ihrer Klasse einen Beitrag  fürs Jubiläumsfest der Schule zu bestreiten. Und anderthalb Jahre später stand sie als Klassenlehrerin der Neunten in der Pflicht, ein Abschlusstheater zu gestalten. Natürlich konnte sie jedesmal auf meine Mithilfe zählen (Schultheaterpark).

Stalder, Gaugler, Dürrenmatt: ein Lehrjahr
1971 schloss ich mein Studium ab und erhielt eine erste Vollzeitstelle als Deutsch- und Französischlehrer am Gymnasium Burgdorf. Auf meinen Pendelfahrten in der EBT (scherzhaft "Emmentaler Bauern-Tram" genannt) hatte ich schon öfter mit Rudolf Stalder, dem  Hausautor und Regisseur der ELB ("Emmentaler Liebhaberbühne") Gespräche geführt. Stalder wohnte damals an prominenter Lage über dem Rüegsauschachen, ich sah von unsrer Wohnung zu ihm hinauf, gleichzeitig sah ich zu ihm auf, denn ich bewunderte ihn als einen, der geschafft hatte, was mir nicht gelungen war, nämlich den Lehrerberuf zugunsten der "Theaterei" an den Nagel zu hängen. (Stalder verdiente allerdings seinen Lohn als Radiomitarbeiter, die Liebhaberbühne war für ihn bloss ein Hobby, wenn auch ein aufwändiges, an dem schliesslich - dem Vernehmen nach jedenfalls - seine erste Ehe zerbrach. Und dieses Risiko war mir eindeutig zu hoch. Mit andern Worten: Ich bewunderte ihn, beneidete ihn aber nicht.) - Eines Tages erzählte Ruedi mir vom neuen Projekt, mit welchem er ganz gross herauszukommen gedachte, nämlich die Übersetzung von Dürrenmatts "Alter Dame" auf Berndeutsch. Er ermunterte mich, beim Vorsprechen für eine Rolle mit dabei zu sein, und ich ging hin. Dass ich als bereits erfahrener Spieler genommen würde, war klar; nur die Rollenzuteilung hing vom Regisseur Gaugler ab. Schliesslich wurde mir die Rolle des Pfarrers angeboten. Ich war zufrieden damit, obwohl ich mich als Lehrer naturgemäss wohler gefühlt hätte. Ich sah eine kleine Ironie des Schicksals darin, dass ich schon als Dreizehnjähriger Theologie zu studieren beabsichtigt, diesen Berufsplan jedoch gegen das Ende der Gymnasialzeit  heftig verworfen hatte. Und prompt stellte ich fest, dass die Pfarrerrolle, bzw. das, was Dürrenmatt daraus gemacht hatte, mich zu Verstellungen trieb, die mir mein Spiel im Nachhinein als ziemlich gequält vorkommen lassen. (Die Aufzeichnung einer Aufführung im Casino Burgdorf ist ja bis heute ein Berndeutsch-Theaterklassiker geblieben, dank Stalders Übersetzung und Gauglers Regie.) Dürrenmatt, der uns nach der von ihm besuchten Aufführung im "Weissen Kreuz Kalchofen" eine kurze Ansprache hielt, sagte damals: "Me mues nid schouspilere, we me schouspilt, u das het ech dr Gougler ustribe: ds Schouspilere:" - In Bezug auf mich hatte er Unrecht: mein Pfarrer war ganz klar "geschauspielert"; doch für die meisten andern Rollen stimmte sein Urteil.

  
Der Bildtext aus dem ELB-Archiv enthält eine Falschmeldung: FD war nicht an der Premiere, sondern wartete zuerst ab, was seine Schwester ihm berichten würde. Erst dann entschloss er sich zum Aufführungsbesuch in Hasle. (Rechts gegenüber Dürrenmatt: Regisseur Hans Gaugler)

Das Jahr 1972-73, in welchem diese Inszenierung entstand und aufgeführt wurde, war für mich als künftigen Schultheaterleiter sehr lehrreich. Ich hatte hautnah die Arbeit an einem bedeutenden Stück erleben dürfen, unter einem Berufsregisseur, dessen Qualitäten ausser Frage standen, war er doch als junger Schauspieler bei dem von mir bewunderten Bertolt Brecht in die Lehre gegangen und Mitglied des Berliner Ensembles gewesen. Gleichzeitig erkannte ich auch, dass selbst ein qualifizierter Profi wie Hans Gaugler nicht perfekt war, sondern durchaus seine menschlichen Schwächen und für uns Schauspieler auch unangenehmen Seiten haben konnte. Und als Darsteller in einem grossen Ensemble machte ich die Erfahrung, Teil einer grossen Spielerfamilie zu sein und einen Text über dreissig Mal immer wieder neu entstehen zu lassen und mitzuerleben. Und ich merkte, dass diese Art von wiederholender Reproduktion mir nicht nur lag, sondern auch Freude machte.
Im Nachgang zum ELB-Jahr wurde ich zwei- oder dreimal von Ruedi Stalder für kleine Rollen in Mundarthörspielen aufgeboten, die unter seiner Regie entstanden, für mich der erste Kontakt mit einem der Radiostudios in Bern, wo ich später als Kaktus-Mitarbeiter noch des öftern  tätig sein sollte.
Dass ich nicht in weiteren Inszenierungen der ELB auftrat, hatte verschiedene Gründe: zum einen hatte ich mich als Spieler nicht so ausgezeichnet, dass die Truppe auf mich nicht hätte verzichten können, zum andern war ich seit dem Frühjahr 1973 in Münchenstein (Baselland) angestellt und hatte wenig Zeit übrig, um nochmals ein so grosses Engagement verkraften zu können.


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