stachelgewächshaus (1986 - 2000)


Entschuldigung,
wenn ich hier etwas länger werde. Es geht mir nicht darum, die Geschichte des Satiremagazins "Kaktus - die Sendung mit dem Rüssel im Gesicht" nachzuzeichnen. Doch ein paar Eindrücke und Einzelheiten aus den 15 Jahren Mitarbeit in einem spannenden Redaktionskollektiv seien mir gestattet. Dies umso mehr, als Bissegger/Hauzenberger/Veraguth in ihrem bereits erwähnten Band "Grosse Schweizer Kleinkunst" der Radiosatire wohl ein längeres Kapitel widmen, jedoch ohne den "Kaktus" darin zu erwähnen, geschweige denn zu behandeln. Und das finde ich allerdings ein echtes Versäumnis! Lediglich zum Stichwort "Beschwerden an den Publikumsrat" wird eine kurze Kaktus-Textpassage zitiert. - Nein, soviel Ignoranz hat diese lebendige, vielfältige und beliebte Sendung, die seinerzeit vom Chef Unterhaltung von Radio DRS als "Flaggschiff" bezeichnet wurde, denn doch nicht verdient!

Vorspiel: Fluchtsalat" - ein Zahnstocher-Programm von 1981
Man kannte und respektierte sich seit Längerem; aus dieser kollegialen Bekanntschaft unter Kabarett spielenden Lehrern kam die Anfrage von Werner Suter, ob ich Interesse hätte, am neu entstehenden Programm "Fluchtsalat" als Texter mitzuarbeiten. Das Thema interessierte mich, und ich verfasste ein paar Texte, von denen eine Auswahl als geeignet befunden wurde. Die Zahnstocher, so mein Eindruck, spielten Kabarett auf einem sehr hohen Niveau und feilten sehr lange und selbstkritisch an ihren Nummern. Als Spieler mitzuwirken hätte ich zuwenig Zeit gehabt und wäre vielleicht auch nicht teamfähig genug gewesen; schliesslich war ich seit mehreren Jahren als Solist unterwegs, nur vom stets flexiblen und meinen Regieeinfällen folgenden Edwin Peter begleitet. Doch das Programm "Fluchtsalat" gefiel mir ausgezeichnet und meine Texte machten sich gut; ich stellte fest, dass es mir immer noch lag und auch Spass machte, für ein Ensemble zu schreiben. - Zwar habe ich keine dieser Nummern hier auf meiner Seite platziert, doch stelle ich im Rückblick fest, dass diese Phase der Auftakt zu dem war, was 1986 mit dem Satiremagazin "Kaktus" seine Fortsetzung fand. Denn schliesslich kann man Zahnstocher so gut wie Kakteen zu den Stachelgewächsen zählen ...

"Kaktus"-Einstieg mit dem Tschernobyl-Lied
Als unregelmässiger Hörer der DRS1-Satiresendung "Spasspartout" hatte ich mitbekommen, dass Zahnstocher-Chef Werner Suter mittlerweile bei der Sendung "Pingpong" mitwirkte. Und irgendwann im Frühjahr 1986 stellte ich fest, dass diese Sendung zum Satiremagazin "Kaktus" mutiert und um einige Grade politischer und angriffiger geworden war. Es bedurfte eines Telefonanrufs, und schon war ich eingeladen, für die nächste Monatssendung mit meinen Texten zur Teamsitzung zu erscheinen. Man schrieb Ende April 1986, die Katastrophe von Tschernobyl war noch nicht verdaut. Mein erster Kaktus-Beitrag war das Tschernobyl-Lied "D'Antwort" nach Bob Dylans "Blowin' the Wind". Jürg Bingler, der Kaktus-Redaktor, war davon ziemlich angetan. Zur Aufnahme im Studio Bern holte er ad hoc zwei Musiker, von denen ich zumindest den einen bereits gut kannte: Daniel Schmidt und ich hatten seit Solothurn 1975 etliche Auftritte gemeinsam bestritten. Er arbeitete als Nachrichtenmann bei DRS1  und war gerne bereit, den Lead-Gitarren-Part mit Mundharmonika zu übernehmen. Den Bassisten, Mauro Zompicchiatti, kannte ich nicht; erst später erfuhr ich, dass er in der Mundart-Rock-Szene kein Unbekannter war. - Von da an war ich in die Runde der Kaktusgärtner von Radio DRS aufgenommen und versuchte allmonatlich nach Kräften etwas zum Gelingen einer spritzigen und politisch unkorrekten Satiresendung beizutragen.

Formenvielfalt
Hatte ich in meinen bisherigen Programmen vor allem Lieder geschrieben, lockte jetzt ein ganzes Spektrum formaler Ausdrucksmöglichkeiten, immer natürlich mit dem Vorbehalt der radiofonen Tauglichkeit eines Textes. Diese Vielfalt lag mir ausgesprochen, vor allem verschmähte ich auch die schriftsprachliche Schiene keineswegs. Das war schon zur "Pfyleboge"-Zeit nicht anders gewesen; gut die Hälfte des damaligen Programms war in Standardsprache geschrieben. Obwohl es eine Zeit lang den Anschein hatte, ich sei ein Mundart-Liedermacher, so verstand ich mich nie nur als solcher. - Nebst der Parodie radiospezifischer Formen wie Kurznachricht, Interview, Reportage, Rede und anderen mehr benutzten wir jede Menge dramatischer Kurzformen, daneben auch satirische Märchen, Verse (Schüttelreime erfreuten sich grosser Beliebtheit!), Aphorismen und (mitunter faule) Sprüche. "Dem Volk aufs Maul schauen", was schon Luthers und Gotthelfs Maxime war, galt auch den Kaktus-Männern als Tugend (Frauen gehörten nur sehr ausnahmsweise und kurzzeitig zu den Textproduzierenden).

Kaktus-Liedermacher 
Nachdem ich aber meine Antrittsvisite mit einem Lied bestritten hatte, sah ich meinen Schwerpunkt innerhalb des Ensembles als Lieferant satirischer Lieder und  fühlte mich damit auch während längerer Zeit durchaus akzeptiert. Zwar gab es andere, die ebenfalls Lieder schrieben, Hans Abplanalp und Werner Suter etwa, beide von den "Zahnstochern" kommend und mit den musikalischen Formen des Kabaretts sehr gut vertraut. Später  stiess Gusti Pollak zum Ensemble, er pflegte einen eigenen Liederstil, begleitete sich auch selbst und steuerte ab und zu etwas Gesungenes bei. In meinem Fall war es aber so, dass ich stets einen Begleiter organisieren musste, um das Lied produzieren zu können. Dies brachte einige organisatorische  Umstände mit sich, musste doch das Lied vorher angemeldet werden, damit es in der stets kurzen Produktionszeit termingerecht eingespielt werden konnte. Häufig bat ich Edwin Peter, mich zu begleiten; aber auch der bereits erwähnte Daniel Schmidt oder mein Gymer-Kollege Peter Honegger kamen mit der Gitarre ins Studio und steuerten das Ihre zu einer gelungenen Liedaufnahme bei. Einmal hatte der Gitarrist Alain Bricola sich brieflich an Kaktus gewandt, weil ihm mein "Lied vo de Bahnhöf" gefallen hatte. Ich schrieb ihm zurück, und prompt liess er sich bitten, in ein paar der nächsten Sendungen mein Begleiter zu sein - mit Gitarre und Stimme, denn Alain, den ich von Solothurn her kannte, ist auch ein hervorragender Sänger und Stimmakrobat. Später brachte Wieslaw Pipczynski mit seinem Akkordeon neue Farben ins Begleitmuster, und schliesslich konnte ich auch mit dem Pianisten Roland Scherrer und dem Hackbrettspieler Christian Schwander, die mich im neuen Programm von 1987/88 musikalisch unterstützten, mehrere Nummern aufnehmen, zum Teil solche, die gleichzeitig den Weg ins Bühnenprogramm fanden. 

Ein Satire-Markt ...
Jeden letzten Freitag des Monats war Kaktus-Sitzung, meistens im zu dieser Zeit leeren Café im Dachgeschoss des Radiostudios Bern. Über das Wochenende redigierte und schrieb Jürg Bingler die Texte ins Reine und organisierte die nötigen Leute für die Aufnahmen, welche am Montag und Dienstag in einem der Tonstudios gemacht wurden. Am Mittwoch wurden allerletzte Nummern eingespielt und die Bänder geschnitten, damit das Satiremagazin Kaktus pünktlich um 20 Uhr als  monatliches Highlight der Rubrik "Spasspartout" ausgestrahlt werden konnte.
Zu den Redaktionssitzungen rückte jeder Mitarbeiter mit einem mehr oder weniger umfangreichen Häufchen beschriebenen Papiers an, wobei die Zuvielschreiber sich ebenso unbeliebt machten wie die Abwesenden, deren Papiere per Post zum Redaktor gelangt und deshalb bereits in seinen Händen waren. Wer fehlte, hatte allerdings den Nachteil zu gewärtigen, dass seine Texte erst gegen Schluss der Sitzung verlesen wurden, deshalb empfahl es sich - nicht nur wegen des Sitzungsgelds - diese Zusammenkünfte wenn irgend möglich nicht zu schwänzen. - Und nun ging es ans Vorlesen. Abwechslungsweise und keinem genormten System folgend las jeder seine Texte vor und setzte sich damit der Kritik des Kollegiums aus. Dann wurde ganz demokratisch diskutiert, in der Regel bis zur Konsensfindung, in besonderen Fällen wurde abgestimmt, und gelegentlich fällte der Redaktor einen einsamen Stichentscheid. Gegen Schluss der Sitzung wurden die Aschenbecher voller, die Mäppchen der Redaktoren leerer und das Häufchen mit den akzeptierten Texten hatte sich zum ansehnlichen Stapel entwickelt. Nun wurden noch diejenigen im Team, welche bei den Aufnahmen mitwirken durften, engagiert, wobei zu erwähnen ist, dass mit Silvia Jost, Dieter Stoll und Michael Schacht drei qualifizierte StammschauspielerInnen zur Verfügung standen, welche den Hauptteil der Nummern gestalteten. Wir vom Redaktionsteam wurden nur für ausgewählte Produktionen verpflichtet, in meinem Fall waren das natürlich immer die Lieder, selten auch kleine Rollen in kurzen Sketches.

Rote und Grüne, Raucher und Mitraucher, DRS1 und DRS2-Satire
Natürlich waren wir ein heterogenes Team, das sich vor allem bei den "linken" ("roten") Themen fand und alles, was rechts der Mitte lag, liebend gern aufs Korn nahm. So gehörten Blocher, die Autopartei, Bischof Haas und der Papst zu unsern Lieblings-Spottfiguren. Auch die Armeegegnerschaft (namentlich zur Zeit der GSOA-Initiative) und der Kampf gegen Fremdenphobie und Ausländer-raus-Mentalität waren allgemein akzeptiert. Bei Umweltschutzthemen war besonders nach Tschernobyl und Schweizerhalle (beides im Jahr 1986) durchaus ein Konsens zu erzielen; schwieriger wurde es bei "grünen" Themen wie Tierschutz, Bio-Landwirtschaft, Fairem Handel und gesunder Ernährung, für die ich mich damals stark machte. Und beim Kampf gegen das Rauchen hörte der Spass definitiv auf, war doch der leidenschaftlich rauchende Redaktor von einer mittelstarken Raucherfraktion umgeben, und von den Nicht- bzw. Mitrauchern war ich der Einzige, der immer wieder motzte und rauchfreie Sitzungen postulierte, so machte ich mich ziemlich unbeliebt.
Ein weiterer Konflikt bestand im intellektuellen Anspruch der Texte. Oft genug bekam ich zu hören, ich würde DRS2-Satire schreiben, dazu trug nicht zuletzt auch mein Gymnasiallehrerberuf bei; drei andere Kollegen sahen sich demgegenüber "nur" als Sekundar- oder Primarlehrer (solches Standesdenken war mir ziemlich fremd). Dementsprechend erhoben sie den Anspruch, eher Satire für die "einfachen" DRS1-Hörerinnen und Hörer zu machen. Dieser Optik konnte ich wenig abgewinnen, wurde ich doch in meinem Umfeld regelmässig von mehreren treuen Kaktus-Fans auf meine Texte hin angesprochen, und darunter befanden sich nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Bäuerinnen, Postbeamte und etliche Kinder. Und wenn sich Hörerinnen oder Hörer brieflich an "Kaktus" wandten, um Gefallen oder Ärger kund zu tun (es gab noch keine E-Mail-Kultur, deshalb geschah dies eher selten), so ging es fast immer um Beiträge von mir. Was heissen will: meine Texte kamen beim DRS1-Publikum durchaus  an!

Lieder-Knatsch
Gegen Ende der Neunzigerjahre veränderte sich der Kaktus-Stil, zunächst fast unmerklich, später deutlicher. Ich denke, den Sendungen selbst merkte man es nicht auf Anhieb an, wohl aber unseren Diskussionen an den Sitzungen, die sehr häufig ins Grundsätzliche gingen und zu Endlosdebatten ausarteten. Das Ende vom Lied war, dass Redaktor Bingler zunehmend allergischer auf Lieder wurde, insbesondere auf meine Lieder, hatte er doch einmal erklärt, meine Stimme sei ihm einfach unsympathisch! Irgendwann verkündete er die Doktrin, der Kaktus sollte im Prinzip liederfrei sein, doch blöderweise hielt sich ein gewisser Hans Jürg Zingg nicht sehr streng an diese Vorgabe, worauf Redaktor Bingler ihm gestattete, ein Lied einzuspielen, um hinterher sagen zu können, Zingg habe sich erfrecht, ihn schon wieder zur Annahme eines Lieds zu überreden - Realsatire pur! Natürlich behaupte ich nicht, meine Kaktus-Lieder seien alle von Top-Qualität gewesen, doch rechtfertigte das wohl nicht eine an Mobbing grenzende Behandlung mit anschliessendem Rauswurf aus dem Team (unter einem Vorwand, der so dürftig war, dass an den Haaren herbeigezogen ein viel zu milder Ausdruck dafür ist).

Nachwehen und Erleichterung
Ab März 2000 war ich also nicht mehr unter den Kaktusgärtnern. Das traf mich stärker, als ich im Moment wahrhaben wollte. Ab sofort schaltete ich  am ersten Mittwoch im Monat um 20 Uhr DRS1 nicht mehr ein. Stattdessen klammerte ich mich an einen Strohhalm, den mir der DRS1-Unterhaltungs-Verantwortliche zugespielt hatte: eine Folge von satirischen Kurz-Hörspielen für den Sendetermin 16 10 zu konzipieren. Daraus entstand "Familie Rüssler, die schlaue Öko-Comedy", eine fünfteilige Pilotserie von 10 Minuten-Einheiten über eine vierköpfige zeitgenössische Patchwork-Familie (vielleicht hatte die damals beliebte TV-Soap "Fascht e Familie" unbewusst Pate gestanden). Ihr Oberhaupt, Rhino Rüssler, war Hausmann, Öko-Freak und ein intellektueller  Motzbruder, den ich zuerst als wiederkehrende Figur für den Kaktus erfunden hatte. Doch dem Redaktor, der für solche Einfälle, namentlich wenn sie aus meiner Ecke kamen, keinen Sinn hatte, war diese Idee durchaus unsympathisch, was er mir in einem Brief unmissverständlich kundtat. - Leider erwies sich mein schöpferisches Bemühen im Bereich Kurzhörspiel, sosehr es mir Spass gemacht hatte, als fruchtlos: der auftraggebende Unterhaltungschef wurde pensioniert, der 16 10-Termin gestrichen, und nach etwa einem halben Jahr Funkstille erhielt ich vom Hörspielchef von Radio DRS eine freundliche Absage ... . Wer sich für die Texte von "Familie Rüssler" interessiert, findet diese hier
Die Erleichterung spürte ich erst einige Zeit später: Endlich wieder Zeitung lesen und Nachrichten hören können, ohne automatisch das innere Sieb zu aktivieren: "Was ist satireträchtig? Wie pack ich's an? Was für eine Form wähle ich? Wie lang hab ich noch Zeit bis zum Redaktionsschluss? Was schreiben wohl die andern? Und wie wird meine Idee bei ihnen ankommen?" Und endlich wieder Zeit haben für andere Schreibaktivitäten. Zum Beispiel Satiren über das, was mich unmittelbar betraf, nämlich das Gymnasium, den Lehrerberuf, die Bildungspolitik ... (GymSatire-Biotop)
Nach ein paar Monaten vermisste ich den "Kaktus" nicht mehr, und als es ihn eines Tages nicht mehr gab (ich glaube, so um 2004 herum), weinte ich ihm keine Träne nach. Mit Jürg Bingler und den schreibenden Kollegen, von denen sich bei meinem Rauswurf keiner mit mir solidarisiert hatte, pflege ich kaum Kontakt, doch wenn man sich sieht, grüsst man sich freundlich und plaudert oder fachsimpelt - wenn's sein muss, sogar über Satire!

13 Stachelgewächse
stehen, chronologisch geordnet, im Stachelgewächshaus, die meisten davon sind Lieder. Du kannst sie lesen, wenn du den untenstehenden Titel anklickst, und hören, wenn du den Titel in der linken Spalte anwählst. Es geht also beides gleichzeitig. Vor dem Anhören: bitte registrieren
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D' Antwort (Tschernobyl-Lied),1986

Ozon-Duett, 1988   
Leise rieselt der Schnee,1988

St.Florian-Song, 1989

Sommerlied mit Ozon, 1990

Gentechnologe-Lied, 1992

WH-Report,1993

Grillparty,1994

Chie Chirac!,1995

Gotthäuf-Jahr, 1997

Brecht oder die Hunderttausendmarkoper,1998

Chaute Chrieg i den Aupe,1998

Auschwitz light, 1999

 

 

 

 

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