Kolumnen-treibbeet (1995-1999)



Lieder haben Zeit zum Wachsen, Kolumnen sind Auftragsarbeiten; der Termin winkt oder droht, je nachdem, und so gleichen Kolumnen dem Treibhaus-Gemüse, das zu jeder Jahreszeit vom Konsumenten  in stets gleich bleibender Qualität erwartet wird.

Kreativität unter Zeitdruck
Um 1995 übernahm Christoph Haldimann die Redaktion der "Berner Schule", des vierzehntäglich erscheinenden Organs des bernischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, später kurz LEBE genannt. Eines Tages rief mich Christoph an und fragte mich, ob ich bereit wäre, zirka fünf Mal pro Jahr eine Kolumne aus der Sicht eines Gymnasiallehrers zu schreiben. Das tat ich gerne. Und ich habe es nie bereut. Ich bin ein Mensch, der oft nur unter Druck arbeitet, dies aber (so meine ich) nicht schlechter, als wenn er frei schreiben kann. Ausserdem betrachte ich das Schreiben für ein engeres Zielpublikum als Herausforderung, die mir nebst den obligaten, terminbedingten Qualen vor allem viel Spass bereitet.

Handfester Lohn
Angesprochen wurde ich auf diese Publikationen oft, auch wenn sich der Austausch meist auf ein freundliches Kompliment beschränkte. Es erstaunte mich immer wieder, welch grosses Publikum mit dieser Publikationsform zu erreichen ist. Und ja, im September 1996 gedachte ich eigentlich aufzuhören, deshalb schrieb ich den Salamimonolog mit dem Untertitel "Mein es-schwant-mir-Gesänglein". Diese Kolumne erschien just, als wir auf der Maturareise in Barcelona weilten. Da rückte doch am letzten Abend mein Reiseleiter-Kollege mit einer spanischen Salami an, die er mir, von der Kolumne begeistert, verehrte. Handfesteren Lohn hat mir das Schreiben selten eingetragen! So war ich denn auch sofort einverstanden, als der Redaktor mir bald danach eine Verlängerung des Auftrags vorschlug.

Gymnasium Helveticum
Später übernahm Christoph die Redaktion der ehrwürdigen Zeitschrift des VSG (Verband schweizerischer Gymnasiallehrkräfte). So erhielt ich von ihm 2004 nochmals einen Auftrag und schickte ihm "König Ego, geklont und ungeklont".


Auswahlliste (lesen - herunterladen)
Hier die Titel der Auswahl, die du im Treibbeet vorfindest:

Mass-nahmen Mai-95
Nun reden wir wieder  September-95
AküKu guzL und gLuz  Februar-96
Salamimonolog September-96
Jahrringe  März-97
F ... ffff ... ffffffffffff ...  August-97
Wir Sichersteller  März-98
Von ELFen und Trollen Juni-98
Die post-postale Wandelkompetenz September-98
Die Qualität der Sicherung  Januar-99
Was bleibt_April-99
Lagunenlegende  November-99
König Ego, geklont und ungeklont September-2004



Benagt vom Zahn der Zeit ...
Lese ich diese Texte heute wieder, so kommen mir manche schon arg vom Zahn der Zeit benagt vor. Ob das mit meinem eigenen Rückzug aus dem Schulbetrieb zusammenhängt?
Das folgende Beispiel allerdings liest sich, wie ich finde, als noch heute  aktuelle System-Kritik:
 

Wir Sichersteller

Früher pflegte ich mit meinen Kollegin­nen und Kollegen zu reden. Einfach so; wann, wo und sooft es sich eben ergab. Unter Deutschlehrern wurde gefachsim­pelt, mit Lehrkräften, die in derselben Klasse unterrichteten, wurden Pläne für fächerübergreifende Projekte geschmie­det. hin und wieder auch Ärger oder Freude (tatsächlich, das gab’s!) über be­sagte Klasse oder über einzelne Leute darin ausgetauscht. Einfach so: aus dem Bauch heraus, nach Lust und Laune.

 

 

 

Inzwischen haben wachsame Augen auch dieses stille Treiben durchschaut und flink erkannt, dass das Gute nicht dann gut ist, wenn es einfach so getan wird, sondern allein dann, wenn es in einem Konzept vorgesehen ist. So verfü­gen wir denn seit kurzem an unserer Schule über ein Konzept zur Umsetzung des Lehrplanes, in welchem sich unter anderem der Auftrag formuliert findet, sowohl auf Fachschaftsebene wie in den Klassenteams sei der Erfahrungsaus­tausch, der Dialog oder schlicht der In­formationsfluss sicherzustellen.
Denselben Auftrag habe ich als Klas­senlehrer auch gegenüber den Eltern meiner Schülerinnen und Schüler. Aller­dings muss ich, falls ich an der Oberstufe unterrichte, zuerst sicherstellen, ob der oder die Betreffende nicht bereits volljährig ist: in diesem Fall habe ich sicher­zustellen. dass der Informationsfluss zu den Eltern zuerst an ihm oder ihr vorbeifliesst.
Ich glaube, Sie alle spüren mit mir, dass die Zeiten, da man einfach so zu­sammen reden konnte, wie es einem ge­rade passte, endgültig vorbei sind, und Sie teilen gewiss auch meine Vermutung, das Sicherstellen eines Informationsflusses sei ungleich schwieriger, anspruchs­voller und aufwendiger als gewöhnli­ches Miteinander-Reden.
Ich stelle mir z.B. das nächste Quartal vor: In drei Klassen werde ich schriftli­che und mündliche Maturprüfungen ab­nehmen und zwei weitere Klassen werde ich bis zu den Sommerferien unterrichten. Für die drei abgehenden Klassen werde ich im kommenden Schuljahr drei neue übernehmen. Und nun kommt’s: In gera­de mal fünf Klassenteams und dazu noch in der Fachschaftsgruppe werden wir in den Wochen vor und nach den Sommerferien den Informationsfluss in Bezug auf den Unterricht im neuen Schuljahr sicherzustellen haben. Dabei gehöre ich mit einem Vierstundenfach noch zu den Privilegierten: Ein Biologie-Chemie-Lehrer z.B. bringt‘s auf ein gutes Dutzend sichergestellte Informations­flüsse. Damit verglichen war die fünfte Herkulesarbeit ein pures Kinderspiel: zwei lächerliche Flüsschen musste der alte Grieche sicherstellen — will sagen: umlenken —‚ und schon war das Mistpro­blem in Augias‘ Rinderställen gelöst! Ich aber frage mich allen Ernstes, wer in meinen Deutschklassen den Mist karren wird, während ich mit dem Sicherstellen von Informationsflüssen beschäftigt hin.
Aber vielleicht seh ich das alles falsch. Vielleicht bin ich ein grässlicher Pessi­mist, wenn ich mir einbilde, das Sicher­stellen von Informationsflüssen sei der­massen aufwendig. Schliesslich kann der Staat, der mir, um zu sparen, keine Teue­rungszulage mehr bezahlt, nicht von mir gewollt haben, dass sich meine Arbeits­zeit von gut und gern 50 Wochenstun­den infolge verordneter Sandkastenspie­le noch um zehn Prozent erhöht. Einen Funken Vertrauen habe ich schliesslich noch in unsere Obrigkeit! Also schliesse ich die Augen und versuche positiv zu denken.
Na klar ich hab‘s schon: Das Sicher­stellen von lnformationsflüssen bedeutet keineswegs den Alptraum stundenlanger Sitzungen in zig Klassenteams und ewi­ges Palavern über die Umsetzung von Lehrplänen im Kreise der Fachschaftsge­treuen; wie konnte ich nur! Es bedeutet doch lediglich das Errichten von Kanä­len, durch welche die Informationsflüs­se. falls jemand einen Bedarf danach hätte, fliessen könnten. Auch ein leeres Kanalsystem stellt Informationsflüsse si­cher, nein, gerade ein leeres, denn es gerät niemals in Gefahr zu verstopfen.
Im Gegensatz zu den Potemkinschen Dörfern, wo der auf dem Fluss vorbeirei­sende Zar bekanntlich nur Fassaden mit nichts dahinter erblickte, wird unser Oberster Schulpfleger, wenn er kurz vor seinem Abtreten mit dem Helikopter un­sere Informationsflüsse inspiziert, kei­nen Trug vorgeführt bekommen, denn sie werden sichergestellt sein.
Und inzwischen werden meine Kolle­ginnen und Kollegen und ich, sooft wir den Bedarf danach haben, wieder zu­sammen reden. Einfach so. Wie früher. Und uns allerlei überlegen, z.B. wie wir mit unsern Klassen das Erreichen der Maturitätsziele in nur drei statt in vier Jah­ren sicherstellen können.

 

 

 

 

 

(März 1998)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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