schultheaterpark II (eigene Stücke)


"Füchs u Esle u anderi Lüt" (1969)
Es war im Frühjahr 1969, meine Frau unterrichtete die 9. Klasse an der Sekundarschule Hasle-Rüegsau und sah sich verpflichtet, ein Abschlusstheater einzustudieren. Natürlich wollte ich ihr behilflich sein und anerbot mich, das Stück gleich selbst zu schreiben. Ich verbrachte zur Zeit meine Wochen als Hilfslehrer an einem Lycée in Frankreich und arbeitete meine umfangreiche Französisch-Lektüreliste ab. Darauf standen auch sämtliche Fabeln von Jean de La Fontaine, deren Charme und Witz mich schon seit langem faszinierte. So griff ich fünf dieser Erzählgedichte heraus, zwei sehr bekannte, nämlich "Ameise und Grille", "Rabe und Fuchs", sowie drei weniger geläufige: "Der Esel in der Löwenhaut", "Fuchs und Hahn" und "Als die Tiere an der Pest erkrankten". Die daraus entstandenen Szenen mit Liedeinlagen kamen bei der aufführenden Klasse, aber auch beim Publikum an der Abschlussfeier im Saal des Weissen Kreuzes im Kalchofen ausgezeichnet an. - Später nahm der Theaterverlag Elgg (damals noch "Volksverlag") das kleine Stück in sein Schultheaterprogramm auf.

 
Titelblatt: Markus "Babu" Wälti

Viel Glück in Werboland - eine Satire auf die Werbung (1974)
Fünf Jahre später dasselbe Szenario: Wieder Abschlusstheater der 9. Sek, meine Frau war Klassenlehrerin und ich schrieb das Stück. Erneut ein kabarettistischer Zugriff, diesmal aber aktueller, formal moderner. Im Hintergrund stand die Lektüre eines vor kurzem erschienenen Buchs, homo consumens von Wolfgang Schmidbauer. Kabarettistisches Schulspiel war für mich damals eine Variante von Brechts "Theater des wissenschaftlichen Zeitalters". Natürlich kannte ich die aufführende Klasse sehr gut, meine Frau und ich hatten sie nun 5 Jahre lang begleitet. So konnte ich die Szenen nicht nur thematisch, sondern auch von den Rollen her gedacht der Klasse nach Mass schneidern. Eine Nummer allerdings hatte ich bereits für mein Pfyleboge-Programm geschrieben, sie schien mir auch ein Dutzend Jahre später noch passend und aktuell: Der Song "Schweizers Freudelein" (nach einer Melodie von Tibor Kasics) als harmlos-charmante Persiflage auf das alljährliche Pilgern an diverse Ausstellungen: "und a LANDI MUBA KABA ZÜSPA OLMA und BEA  läbt me nach em schöne Motto: chumm Bueb u lue dys Ländli a ..." (vgl.Frühblühermätteli). -  Bei der musikalischen Realisierung des Stücks half uns ein junger Gitarrist, mit dem ich damals das erste, aber durchaus nicht das letzte Mal zusammenarbeitete: Daniel Schmidt (vgl. Stachelgewächshaus). Die damals sehr aktuelle, thematisch geschlossene, aber formal abwechslungsreiche Nummernfolge kam bei Schülern und Schülerinnen genau wie bei deren Eltern sehr gut an, und wieder nahm der Volksverlag Elgg das Stück in sein Programm auf. "Viel Glück in Werboland" erwies sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren als richtiger Renner, wurde es doch landauf landab über fünfzig Mal nachgespielt und einmal - von der Blindenschule Zollikofen - sogar fürs Radio aufgenommen.

 Titelblatt: hjz

Circus Elite's Galashow - eine Satire auf die Schule (1980)
1980 feierte das Städtische Gymnasium Bern sein hundertstes Jubiläum. Zu diesem Anlass bestellte der Oberrektor des Gymnasiums Kirchenfeld, Dr. Rolf Nüscheler, bei mir als dem Leiter der Theatergruppe ein anlassbezogenes Strassentheaterstück. Bemerkenswert: Die Schulleitung machte uns keine weiteren Auflagen und griff auch nie zensierend ein, obwohl das Stück, das schliesslich herauskam, eine recht happige Systemkritik - zwar immer humorvoll - formulierte.
Die Theatergruppe umfasste damals etwa 30 Mitglieder, darunter einzelne mit Erfahrung in früheren Inszenierungen, viele andere aber neu, dafür umso begieriger auf ein Experiment, wie das Strassentheater es zu werden versprach. In mehreren Sitzungen und einem Arbeitsweekend entwickelte die Gruppe mit mir zusammen die Ideen zum Stück. Den Text schrieb und verantwortete ich im Alleingang. Doch die Gruppenmitglieder hatten das Recht auf Kritik, bzw. die Pflicht, das Geschriebene zu genehmigen. - "Circus Elite's Galashow" reflektierte das Selbstverständnis einer kritisch denkenden Schülerschaft um 1980: glossiert wurde die Schule als Drill- und Leistungsanstalt mit den Dompteuren Stress und Notendruck, welche die Scolari zum "Trotten" und hernach  "Bügeln und Falten" antreiben. Als Belohnung winken "Süsse Sechserchen", nach welchen die Scolari gierig sind wie nach nichts sonst. Nachdem sie reichlich mit ELITIN, ELITOL und EINSPURVITE gedopt worden sind, müssen die Dressierten als Höhepunkt das "Grosse Transitur"  bestehen, angeleitet von ihren Dompteuren und dem Zirkusdirektor, welcher am Schluss allen gratuliert. - Salz in die Suppe werfen die Clowns Protesto und Protestino (hier kündigten sich die Jugendunruhen der Achtziger an) sowie das Clownpaar Umoro und Fantasia, welche das verkörperten und pantomimisch zum Ausdruck brachten, was damals nach allgemeinem Empfinden der Schülerinnen und Schüler dem Schulbetrieb am meisten fehlte.
Das Strassenspektakel war ein voller Erfolg, die Vorstellungen auf dem Pausenplatz wurden vom Publikum der Schule bejubelt, die Aufführungen auf dem Bärenplatz (das Stück dauerte gut eine Lektion) lösten sowohl Begeisterung als auch Kritik aus, also genau das, was die Theatergruppe beabsichtigt hatte. Vor allem aber war das Strassentheater ein Abenteuer und ein Gruppenerlebnis, welches der Theatergruppe starken Zusammenhalt verlieh und sie dazu motivierte, auch für das nächste, "grosse" Bühnenspektakel ein selbst geschriebenes Stück vorzubereiten.
Der Volksverlag Elgg reichte das Stück an Sauerländer weiter, der es in seine Jugendtheaterreihe aufnahm. Nachgespielt aber wurde es selten, und heute wäre es undenkbar, dass Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums sich mit der hier dokumentierten Kritik an der Schule identifizieren würden. So ändern sich die Zeiten ...

 (mittlerweile ist das Stück wieder im Theaterverlag Elgg erhältlich)

Der gläserne Drache - eine Politsatire (1982)

Nach dem erfolgreichen Strassenspektakel vom Mai 1980 durfte ich den Theaterstab meinem Kollegen Christoph de Roche übergeben, der in der Folgezeit Kästners „Schule der Diktatoren“ mit der Gruppe erarbeitete (Aufführungen im Mai 1981). Ususgemäss trat ich von der Aufgabe, eine grosse Inszenierung zu leiten, zurück und widmete mich der Ausbildung des Nachwuchses. Nach den Sommerferien 1981 konnte ich eine Gruppe voll kreativer Power übernehmen, mehrere Leute aus der Strassentheaterzeit waren noch dabei, neue Kräfte waren hinzugestossen. Nun ging’s ans Abwägen: Das Experiment eines selbst kreierten Fünfundvierzigminutenspiels auf dem Theaterwagen unter freiem Himmel war geglückt – warum sich nicht an ein Stück für die „grosse Bühne“ heranwagen? In einer turbulenten Vollversammlung diskutierten wir das Für und Wider einer Eigenkreation; als Vorschlag für ein bestehendes Stück nannte ich der Gruppe eines meiner Lieblingsstücke, „Marat/Sade“ von Peter Weiss, ich hätte es ihnen von der Spiellust und vom Begabungspotenzial her ohne weiteres zugetraut. Indessen obsiegte die Idee eines eigenen Projekts. Und ein Thema war auch schon gefunden: „Die Volksverdummung durch das Fernsehen“. Herausragendes Ereignis diesbezüglich war 1981 die britische Prinzenhochzeit gewesen, von Millionen in aller Welt am Bildschirm verfolgt, während US-Präsident Reagan das hirnrissige Projekt „Star wars“ propagierte und Europa von Nuklearwaffen der Ost- und Westmächte in mehr als ernsthafter Weise bedroht war. Und all dies in Anbetracht  von Hunger und Elend in der dritten Welt! Damit war der Grundriss für eine komplexe Fabel gegeben, welche ich zuerst als Erzählung, dann in Form von Szenenentwürfen entwickelte und den Mitgliedern der Theatergruppe nach und nach zur Lektüre und Kritik vorlegte. Der letztlich gespielte Text stammte im Prinzip aus meiner Feder, doch flossen wie immer sehr viele Ideen, Anregungen und kritische Einwände der Gruppe mit ein, ganz zu schweigen von den Rollenträgerinnen und Rollenträgern, denen ich die Texte jeweils auf den Leib zu schneidern versuchte.

Zur Handlung: Die Welt ist in drei Reiche geteilt, deren Namen bereits vieles verraten: Das reiche Humanien, das angsteinflössende Komunien und das arme Azurien. Die Handlung spielt in Corona, der Hauptstadt Humaniens, wo Prinzessin Tristana, die Thronfolgerin, angesichts der Nachrichten aus dem armen Azurien, in den Hungerstreik tritt. – Der gläserne Drache ist ein Monstrum, welches im Auftrag des aufklärerisch-listigen Zwergs Grübel aller Welt die Wahrheit verkündet. Zum Beispiel, dass die Waffe „Saubertod“, welche Zauberer Ringur für seinen Bruder, König Ringan, herstellen will, auf Kosten der Staatsbeiträge an Azurien finanziert werden soll. Oder dass in Azurien zwar Bananen gepflanzt, dann aber nach Humanien exportiert werden. – Bevor nun aber solch missliebige Wahrheiten sich im Volk allzu sehr verbreiten, schafft das königliche Bruderpaar, unterstützt von zwei cleveren Hexen, Abhilfe: Raspelzahn, die Wahrsagerin,  schenkt Humanien einen Zauberspiegel, der zwar die Wahrheit zeigt, aber nur jene, die man sich wünscht. Und bloss eine Minderheit von Outsidern wünscht sich zu sehen, wie Azurien hungert oder welche Auswirkungen eine A-Bombe haben kann. Die Mehrheit, die am Hof das Sagen hat, hört lieber den Hofklatsch, den die Hofpapageien verbreiten, stülpt sich Zauberohren über, um fetzige Musik zu  geniessen, und beguckt im Zauberspiegel die Hochzeit zwischen Prinzessin Tristana und dem bananenfressenden Prinzen Gogo, dem anerkannt dümmsten Mann des Landes. Verantwortlich für die modischen Accessoires wie für den Sinneswandel Tristanas ist die Hexe Mödelein, zu welcher die Königstochter zwecks Umerziehung geschickt wurde, sowie das Orakel, welches die Rettung Humaniens um den Preis der  genannten Heirat vorausgesagt hat. Am Ende tanzen die Humanier einen Discodance zum Text „Komm sei doof, mein Kind, wer nicht doof ist, spinnt!“, während König Ringan seinem Rivalen im Osten den Krieg erklärt.

Das Stück „Der gläserne Drache – Anatomie eines Märchens“, aufgeführt Anfang Juni 1982, war das grösste und ehrgeizigste Projekt, das ich mit der Theatergruppe Kirchenfeld auf die Beine gestellt habe. Aber es war auch eines der befriedigendsten und bereicherndsten. Sowohl was Zusammenarbeit unter den beteiligten Lehrkräften (Musik, Gestalten) als auch unter den Spielerinnen und Spielern betrifft, waren alle ausserordentlich gefordert, und das Stück wurde buchstäblich erst in letzter Minute ganz fertig, denn noch am Tag der Hauptprobe wurden letzte Textlücken geschlossen. Und natürlich war der Theaterabend mit gut drei Stunden deutlich zu lang. Doch das Publikum harrte geduldig aus und war, ebenso wie die Kritik, von unserem Politmärchen und dessen Engagement sehr angetan.

Dass mehrere der beteiligten Spielerinnen und Spieler später den Weg ins Berufstheater gefunden haben (Micheline Herzog, Sibylle Matt, Guy Krneta, Michael Neuenschwander), freut mich im Rückblick sehr, insbesondere, wenn mir bestätigt wird, dass damals in der Theatergruppe der Funke für die Schauspielerlaufbahn gezündet hat.

Leider konnte sich der deutsche Verlag, dem ich das Typoskript schickte, nicht zu einer Publikation entschliessen. Und nach dem Ende des Kalten Kriegs war die Zeit für dieses Stück definitiv vorbei.


 Plakat: Igor Bauersima*

* Wer denkt, bei Igor Bauersima handle es sich um einen der europaweit bekanntesten zeitgenössischen Schweizer Dramatiker, hat zweifellos recht. Er war es auch, der als Gymnasiast unser Plakat zeichnete; nur war er nicht Mitglied der Theatergruppe, sondern wurde von Klassenkollegen, die in der Gruppe mitmachten, angefragt, ob er diese Aufgabe übernehmen wolle. Ein tolles Plakat! - Und schade, dass der spätere Dramatiker nicht den Weg in die Gruppe fand. Er hätte uns vielleicht wertvolle Impulse gegeben! 



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